Alles ist Beziehung

Aus der Essay-Reihe 

'Allgemeine Aspekte zeitgenössischer Interaktionstheorien'.

 

Vorwort

Dies ist ein Artikel einer Reihe, recherchiert

und geschrieben gemeinsam mit der Psychologin und Therapeutin

A. Kiermayer. Er beleuchtet einige Kernideen des systemischen Denkens 

in Beziehung zu anderen wissenschaftlichen Disziplinen wie

Neurophänomenologie, Philosophie und Kommunikationstheorie,

und bildet damit die Grundlage für eine Allgemeine Interaktionstheorie.

Im Verlauf von mehren Jahren entwickelten wir ein systemisch-konzeptionelles Grundverständnis

getragen von der Idee, dass alles, was wir jemals erleben, jede phänomenale Erscheinung, auf Beziehungen und Beziehungsinteraktionen basiert. Die Komplexität der folgenden Absätze mag auf den ersten Blick herausfordernd scheinen - jedoch, bieten die Folgenden Überlegungen eine solide Grundlage für fast jede praktische Implikation beziehungstheoretischen Denkens. 

I. Ideen zu Phänomenen, Systemen, Organisationsmustern und allgemeinen Ordnungsprinzipien

​​

"I live in a world of constant change.

Cause if there wouldn't be any change, 

there wouldn't be any notion that there isn't."

(Gregory Bateson)

Unsere Welt, die Welt der Erscheinungen, kann in eine Vielzahl verschiedener Phänomene unterteilt werden. Alle diese Erscheinungen sind systemisch organisiert und unterliegen funktionalen Organisationsmustern bzw. bilden im Rahmen eines materiell-physikalischen Organisationsprinzips Strukturzusammenhänge. Ein Verständnis solcher Strukturzusammenhänge ist die Grundlage jeder Beziehungstheorie, sowohl für allgemeine materielle, als auch sozial-dynamische, kulturelle, oder individuelle, zwischenmenschliche Beziehungen. 

Organisationsprinzipien für Beziehungsgeflechte konstituieren sich jeweils im Wechselspiel aus Differenzierung und Abgrenzung, das heißt, aus dem Entstehen von Inkongruenzspannungen, sowie der antagonistisch wirkenden Integration und dem harmonischen Zusammenspiel von interdynamischen Kräften. Die Abgrenzung, warum überhaupt etwas 'etwas' ist, erfolgt anhand der unterschiedlichen Organisationsmuster hinsichtlich der relationalen Zusammenhänge innerhalb eines jedweden Organisationsprinzips und darüber hinaus, also in der Beziehung zu einem anderen System bzw. einer andersgearteten Organisationseinheit.

 

Die Grenze an der ein Organisationsprinzip endet, das heißt, an dem ein System eine abgegrenzte Einheit bildet und ein anderes ‚Muster‘, eine andere Einheit beginnt wird dabei immer im Wechselspiel mit einem wiederum andersgearteten Organisationsprinzip, einer ‚beobachtenden Einheit, definiert. Betrachtet man den Menschen oder mehrere Menschen als beobachtende Einheit, wird deutlich, dass eine normativ festgelegte Klassifikation von ‚etwas‘, also automatisch immer innerhalb eines symbolischen und sozio-kulturellen menschlichen Erfahrungs- und Definitionsspielraumes entstehen muss. 

 

Im Rahmen des  menschlichen Handlungskontexte als System (der bio-psycho-sozialen Organisationseinheit) ist, wie letztlich in allen anderen Systemen auch, die  dynamische Balance zwischen Inkongruenzspannungen und ihrer Auflösung durch Beziehungsintegration von wesentlicher Bedeutung für den Funktionserhalt. 

​Das übergeordnete Prinzip, dass sich systemisch organisierte Phänomene als Organisationsmuster aus einem dynamischen Wechselspiel aus entstehenden Inkongruenzspannungen und ihrer Integration konstituieren, kann dabei für jedes relationale Organisationsprinzip herangezogen werden. Es gilt universell, für alle Organisationsprinzipien und -strukturen, für alle phänomenalen Erscheinungen. Es ist für den Selbsterhalt und gleichzeitig die Entwicklung jeder Organisationsform und seines Zusammenspiels mit anderen relationalen Mustern von wesentlicher Bedeutung.

Alle Phänomene bzw. Systeme haben also ein distinktes innerphänomenales Organisationsprinzip und koexistieren und überlappen hierin mit sich selbst und mit allen anderen Systemen. Die reale Bedeutung eines Organisationsmusters in seinem Kontext, über die schlichte innere Existenzberechtigung hinaus, wird maßgeblich durch die funktionelle Bedeutung des Prinzips bezogen auf sich selbst (z.B. durch autopoietische Selbstkonstruktion und Selbsterhalt) und auf das übergeordnete Gesamtsystem bestimmt. Übergeordnet bezeichnet dabei jedoch keineswegs eine hierarchische Klassifikation, denn eine solche erübrigt sich in einem multidimensionalen ungerichteten zeitlich-räumlichen Kontextsystem. Die Ordnung bezieht sich hier vielmehr auf das interagierende Muster, die relationale Komponente und Einbettung in einen größeren Gesamtkontext organisatorischer Zusammenhänge. 

 

Jedes System, Phänomen, bzw. Organisationsprinzip ist folglich für seinen eigenen Selbsterhalt wesentlich mitverantwortlich und als phänomenale Erscheinung sowohl Ursache als auch Resultat von Interaktionen und Beziehungen innerhalb seiner selbst, als auch von Relationen mit anderen Systemen. Zusammengefasst bedeutet dies: Damit etwas überhaupt etwas ist und als eigenständiges Phänomen wahrgenommen werden kann, muss es (a) existieren, das heißt ein inneres Organisationsprinzip besitzen und (b) anders sein als etwas anderes. Gleichzeitig muss es (c) in Relation mit etwas anderem stehen und sich somit in einem übergeordneten kontextuellen Bezugsrahmen befinden.

​Der begriff Organisation beschreibt dabei, wie aus dem Folgenden ersichtlich, tendenziell die Beziehungen von Komponenten eines Systems, wohingegen der Begriff Struktur die einzelnen Subsysteme und Bestandteile und ihre Beziehungen betrachtet und eine stärker materialistisch orientierte Beziehungsbeschreibung liefert.

​„Lebewesen zeichnen sich durch ihre autopoetische [d.h. selbsterhaltende, Anm. d. Autors] Organisation aus. Sie unterscheiden sich in ihrer Struktur voneinander, sind sich aber in ihrer Organisation ähnlich. “ [...] Der Akt des Erkennens eines Wesens, eines Objekts, einer Sache oder einer Einheit [oder eines Musters bzw. Prinzips, anm. des. Autors]  beinhaltet einen Akt der Unterscheidung, der unterscheidet, was sich als von seinem Hintergrund getrennt darstellt. Jedes Mal, wenn wir explizit oder implizit auf etwas verweisen, spezifizieren wir ein Unterscheidungskriterium, das angibt, wovon wir sprechen, und die Eigenschaften des beschriebenen Objekts als Lebewesen, Einheit oder Objekt spezifiziert. [...] Eine Einheit, Entität, ein Objekt wird durch einen Akt der Unterscheidung hervorgebracht. Umgekehrt implizieren wir jedes Mal, wenn wir in unseren Beschreibungen auf eine Nuance verweisen, die Operation der Unterscheidung, die sie definiert und ermöglicht.“ (Varela &  Maturana, 1992).  

​Kontext und Beziehung sind fundamentale Existenzkriterien für jedwedes Organisationsmuster und Prinzip, jede phänomenale Erscheinung. Relation als primäres phänomen kann dabei entlang der Metaphänomene von zeitlicher und räumlicher Dimension über unterschiedliche Modalitäten kodiert werden. Subjektiv erlebte Phänomene bzw. biophysikalische Korrespondierende Prozesse können als Organisationsprinzip in zeitlicher, räumlicher, energetischer oder qualitativ gemischter Beziehung stehen.  

Damit ein Organisationsprinzip sich mit einer konkreten phänomenalen bzw. symbolischen Qualität und Definition konstituieren kann, muss es jedoch nicht nur allgemein existieren, sondern in seiner Differenzierung und Systematik bzw. Organisationsstruktur von etwas anderem oder jemandem wahrgenommen und somit in seiner impliziten und expliziten Existenz (mit-)konstruiert werden. Das wahrnehmende Element (bzw. die wahrnehmende Person) muss dabei auch wieder anders organisiert, d.h. anders differenziert, sein als das wahrzunehmende Objekt (s.o.). Auch muss die wahrnehmende Person überhaupt die Fähigkeit zur Wahrnehmung und damit zur Interaktion und zur subjektiven und symbolischen Wirklichkeitskonstruktion besitzen.

Aus erkenntnistheoretischer Sicht ist folglich entscheidend, dass für eine Wahrnehmung und Definition eines Phänomens als ebensolches oder zum Erkennen einer Beziehungsstruktur als Beziehungssystem das wahrnehmende Element ganz allgemein über entsprechende Rezeptions- und Verarbeitungsmechanismen verfügen muss. Es benötigt funktionale Systeme die eine sinnliche Erfassung sowie physisch-kognitive Verarbeitung und damit das Wechselspiel zwischen physischer Realität und immaterieller Wirklichkeit im gegenseitigen Konstruktionsprozess ermöglichen.

Grundsätzlich existieren Phänomene zwar auch ohne Beobachter, jedoch nicht in ihrer expliziten, phänomenalen Qualität und nicht innerhalb eines symbolisch-semiotischen Definitionskontextes, da letztlich alle Zuschreibungen für Phänomene, symbolischen, bzw. semiotischen Charakters sind. Somit ist die symbolische Zuschreibung wesentliche Existenzgrundlage sowohl der objektiven als auch der subjektiven phänomenalen Welt. 

 

„Der Mensch, so hat man gesagt, ist ein symbolisches Wesen und in diesem Sinne sind nicht nur die Wortsprache, sondern die Kultur insgesamt, die Riten, die Institutionen, die sozialen Beziehungen, die Bräuche usw. nichts anderes als symbolische Formen.“ (Eco, 1976).

 

Diese aus der Semiotik adaptierte Aussage gilt im weiteren dann für alle phänomenologischen Zuschreibungen und damit jedwedes relationale Organisationsprinzip, d.h. für alle Erscheinungen, die sich im oben genannten ‚Koordinatensystem‘ von Raum, Zeit, Materie, Energie und Geist im individuellen oder kollektiven menschlichen Erfahrungskontinuum konstituieren,  unabhängig davon ob dies psychologisch bewusst oder unbewusst geschieht. Auch eine phänomenale Wahrnehmung die nicht in das explizite Bewusstsein vordringt, hat eine entsprechende neurobiologische Repräsentanz mit einem Organisationsprinzip, dass sich durch einen (fiktiven oder realen) Beobachter wiederum nur über einen symbolischen Codierungskontext erschließen lässt. Die Frage ob wahrnehmendes Bewusstsein letztlich auch ohne physisches Korrelat existieren kann, wie in der asiatischen und buddhistischen Philosophie propagiert, bleibt vorerst spekulativ und ungeklärt (Varela, 1991, Hofstädter, 1979).

Differenzierung und Abgrenzung eines Phänomens oder Systems und ihre antagonistische Integration entstehen dabei im dynamischen Wechselspiel von real-physikalischen Organisationsprinzipien und immateriellen, individuellen oder kollektiven Realitätskonstrukten. Eine auf symbolischer Erlebensebene entstehende dualistische Subjekt-Objekt-Beziehung ist dabei mitnichten ausschließlich mit einem zwangsläufigen dualistischen Erleben und innerem symbolisch-dualistischen oder rein semantischen Denken verbunden, auch wenn dieser Anteil nicht unwesentlich für unsere Realitätskonstruktion ist. Wesentlich wirklichkeitsnäher ist hier wohl eine Auffassung, die sowohl dualistisches (Inkongruenzspannung erzeugendes s.o.) als auch nicht-dualistisches (d.h. integrierendes) Erleben gleichzeitig propagiert (vgl. Bohm, 1992, Watzlawick, 2011).

 

Eine solche, aus sprachlichen und nicht sprachlichen Elementen gleichermaßen bestehende, gleichzeitig dualistische und nicht-dualistische Wahrnehmung der Wirklichkeit steht dabei im Gegensatz der grundsätzlichen Unabdingbarkeit einer omnipräsenten Subjekt-Objekt-Spaltung in der abendländischen Philosophie (vgl. Jaspers, 1953).

​Für eine mögliche meta-ontologische und epistemologische Perspektive die sowohl Subjekt als auch Objekt Integriert und als gleichberechtigte Anteile eines übergeordneten Organisationsprinzips anzuerkennen bereit ist, das heißt eine balancierte psychologische Integration UND auf analytischer kognitiver Dissoziation beruhende Inkongruenz ermöglicht, ist aus bewusstseinsphilosophischer Perspektive ein zumindest vorübergehendes kognitives und geistiges Heraustreten aus der symbolisch-analytischen Wirklichkeitskonstruktion und insbesondere dem semantischen Denken und Erleben notwendig.

 

Ein Sonderfall im Hinblick auf dualistische Subjekt-Objekt Interaktionen ist die Interaktion des fundamentalen menschlichen Bewusstseins mit sich selbst. Die vom deutschen Philosophen Ernst Cassierer propagierte Prämisse, dass der Geist auf die Vermittlung eines sinnlichen Gehaltes angewiesen sei und nicht ausschließlich selbstbezüglich sein kann, ist eine Auffassung, die, obwohl im westlichen Kulturkreis weiterhin oft propagiert, innerhalb der asiatischen Philosophie vielfach widerlegt wurde. So hat die Asiatische Philosophie im Gegenteil gezeigt, dass in der Wahrnehmung der Wahrnehmung oder dem Bewusstsein über das Bewusstsein, die Subjekt-Objekt-Grenzen und der damit einhergehende Subjekt-Objekt-Dualismus im Rahmen eines selbstbezüglichen Erkenntnisprozesses zumindest vorübergehend aufgelöst werden können (Nishida et. Al. 1990, Ricard 2007).

Führt man diesen Gedanken fort, wird deutlich, dass Wahrnehmung und Existenz in einer solchen Beziehung zueinander stehen, dass relationaler Dualismus und integriertes Einheitsbewusstsein sich eben nicht ausschließen sondern dynamisch interagieren und wiederum zwei verschiedene Organisationssysteme innerhalb eines weiteren systematischen Grundkontextes bilden (Bohr, 2001). Diese Überlegungen und die Annahme dass wir als Menschen eben wohl immer in einem dynamischen Wechselspiel aus symbolischer und nichtsymbolischer Wirklichkeitskonstruktion eingebettet sind, dessen Schwerpunkt (symbolisch-sprachlich, d.h. explizit vs. nichtsprachlich, also implizit) jedoch abhängig von der jeweiligen subjektiven und intentionalen Realitätsgestaltung ist, hat weitreichende ontologische, erkenntnistheoretische und praktische Bedeutung im Hinblick auf zwischenmenschliche Kommunikation und Interaktion.  

Jede symbolische, semantische Differenzierung und Trennung zwischen Phänomenen selbst ist dann interessanterweise auch wiederum ein subjektives Realitätskonstrukt, welches ggf. durch gesellschaftlichen Konsens in ein sozial akzeptiertes und damit objektivierbares Realitätskonstrukt überführt werden kann. Die draus folgende Integration hebt dann die im sozialen Kontext ursprüngliche vorhandene Inkongruenz  und  Trennung auf und ermöglicht eine Gesamtintegration interagierender Phänomene sowohl auf konzeptioneller Ebene als auch im nichtsymbolischen Erleben. 

 

Dieses Konzept wird gelegentlich auch als Shared Reality und Common Sense bezeichnet. Eine Solche, auf den ersten blick ausgesprochen theoretische Überlegung hat weitreichende Auswirkungen für jedwede praktische Überlegung zu sozial-kommunikativen Prozessen.

​Gemeinsam mit der Frage wie ein dynamisch-balanciertes Erleben von nicht-symbolischer und symbolischer Wirklichkeitskonstruktion bzw. eine intentionale und funktionale Nutzung der unterschiedlichen Erlebensmodalitäten im Rahmen von Kommunikation gezielt angestrebt werden und nutzbar gemacht werden können, soll diese Idee deshalb im weiteren nochmal aufgegriffen werden. ​

Semiotische und theoretische Differenzierungen und Abgrenzungen von Phänomenen und Systemen dienen letztlich dazu eine Orientierungshilfe festzulegen und individuelle und soziale Identität und Kommunikation zu ermöglichen. Sie erfüllen damit eine ausgesprochen wichtige biopsychologische und sozialdynamische Funktion.

 

Die weitestgehend objektivierbaren phänomenologischen Systeme, also das biologische und physikalische, stehen dabei dem subjektiven System der geistig-immateriellen Dimension parallel, eine Tatsache die der Neurowissenschaftler Richard Davidson mit dem Begriff Koexistenz immaterieller und materieller Phänomene bezeichnet. (Davidson, 2010)

Eine eindeutige semantisch-dualistische Trennung ist auch hier, ebenso wie bei den Überlegungen zum Bewusstsein, nur bedingt realitätskonform, da sich ebendiese Trennung zwischen immateriellen und materiellen Phänomenen nur anhand einer subjektiv konstruierten Wirklichkeit konstituiert. Es bleibt hier außerdem, wie bereits am Bewusstsein verdeutlicht wurde, die Frage offen, ob immaterielle Phänomene auch ohne materielles Korrelat existieren können (Ricard, 2007) oder ob sie immer als Neuerscheinungen im Rahmen von komplexen (bio-) physikalischen Interaktionsdynamiken als emergente Realität entstehen (Singer, 2002).

 

Andersherum stellt sich sogar die Frage ob ein physikalisches Phänomen ohne immaterielles geistiges Korrelat existieren kann? Dazu ein Gedankenspiel: Würden wir einen Stein in eine Parallelwelt transferieren, in der aber Steine als phänomenale Organisationsstrukturen gar nicht existieren, ist der Stein dann noch ein Stein?

Interessanterweise sind aus subjektiver Sicht alle phänomenalen Interaktionssysteme letztlich selbstbezüglich (rekursiv) und überschneiden sich mit allen anderen existierenden Systemen (Hofstädter, 1979, Capra, 1975, Bateson 1999).

 

Dies bedeutet, dass Prozesse innerhalb oder in Relation zu einem System automatisch auch Prozesse und Relationen beinhalten die alle anderen System betreffen, eine Erkenntnis die in der Asiatischen Erkenntnisslehre als Interdependenz und z.B. in traditionellen afrikanischen Kulturen als 'Ubuntu' bezeichnet wird. Unabhängig davon sind jedoch ontologisch betrachtet alle Phänomene immer emergente und letztlich sich kontinuierlich rekonstituierende Neu-Erscheinungen im Wechselspiel aus Raum, Zeit, Materie, Energie und Geist.

Alle diese Meta-Phänomene selbst sind wiederum emergente Organisationsprinzipien, also Erscheinungen ihrer eigenen inneren und wechselseitigen Interaktion, die gleichzeitig als eigenständige aber untrennbar verbundene Entitäten gesehen werden können. Dabei sind auch alle der fünf oben genannten Meta-Phänomene überlappend. Sie sind keineswegs unabhängige Entitäten, sondern können sich in ihrer systemischen Konfiguration, Struktur und Funktionalität relational verändern, wie am Beispiel der Zeitdilatiation in Abhängigkeit von Geschwindigkeit oder in Abhängigkeit von Gravitationskräften deutlich wird (Einstein, 1905, Thorne 1973).

In Interaktionsprozessen können außerdem einzelne dieser physikalischen Organisationmuster mitunter auch ineinander überwechseln oder umgewandelt werden, wie Experimente und Erkenntnisse quantentheoretischer und quantenphilosophischer Überlegungen insbesondere für die physikalisch-materiellen Phänomene eindrücklich zeigen. Weiterführende Überlegungen diesbezüglich finden sich bei Einstein, Bohr, de Broglie, Bohm, Compton oder Bitbol. Das, was dabei aus als Primärphänomen alle anderen Organisationsprinzipien durchdringt ist die Relation, die Beziehung als solche. Sie kann als Primärphänomen ohne ohne inhärente Gestalt existieren und definiert werden. Nichts existiert ohne Beziehung, ohne Relation, die Beziehung kann jede Form annehmen.

Alle weiteren Phänomene konstruieren sich dann im Bezug zwischen den Phänomenen Beziehung, Raum, Zeit, Materie, Energie und Geist als funktionelle oder strukturelle Organisationsprinzipien wechselseitiger, abhängiger Interaktionsdynamiken. Alle diese einzelnen Bereiche und Überlegungen und ein Verständnis Ihrer Interaktionsdynamiken sind damit für eine möglichst kohärente Realitätskonstruktion als Grundlage jedes sozialdynamischen Prozesses von essentieller Bedeutung.

Notiz:

Erstellt in Zusammenarbeit mit der Therapeutin und Psychologin Angelika Kiermayer  (Hochschulklinik für Psychiatrie und Psychosomatik IKR Rüdersdorf)

 

Literatur

Bateson, G. (1972). Steps to an ecology of mind: Collected essays in anthropology, psychiatry, evolution, and epistemology. Chandler Pub. Co.

Capra, F. (1975). The Tao of physics.

Eco, U. (1976), A theory of semiotics, Bloomington: Indiana University Press

Einstein, A., & Lawson, R. W. (1921). Relativity: The special and general theory. New York: Holt.

Damasio, A. R. (2010). Self comes to mind: Constructing the conscious brain (1st ed). Pantheon.

Ferkiss, V., Buckminster-Fuller, R. B. (1976). Synergetics: Explorations in the Geometry of Thinking

Hofstadter, D. R. (1979). Gödel, Escher, Bach: An eternal golden braid. New York: Basic Books.

Jaspers, K., 1883-1969. Origin and goal of history. London, Routledge & K. Paul [1953]

Krishnamurti, J. (1996). Total Freedom.

López-Pérez, D. R., Buckminster-Fuller, R.B.M. (2019). Patterns-Thinking

Malsburg, C, Singer, W. (2010). Dynamic coordination in the brain: From neurons to mind. MIT Press.

Maturana, H. R., & Varela, F. J. (1992). The tree of knowledge: The biological roots of human understanding. Boston: Shambhala.

Nishida, K., A., M., & Ives, C. (1990). An Inquiry into the Good (M. Abe, Übers.). Yale Univ. Press.

Ricard, M., & Trinh, X. T. (2001). The quantum and the lotus: A journey to the frontiers where science and Buddhism meet (1st American ed.). Crown Publishers.

Ricard, M. (2006). Happiness: a guide to developing life's most important skill. Little, Brown.

Thorne, K. (1973). Gravitation. New York, Freeman and Company.

Watzlawick, P., Bavelas, J. B., & Jackson, D. D. (2011). Pragmatics of human communication. WW Norton.